Interview mit Katja Wiese von Naturefund, Teil 2

„Stabile Öko-Systeme brauchen Vielfalt“

26. April 2021 // 3 min Lesezeit

Katja, was ist das Spezielle am Ansatz von Naturefund?

Katja Wiese: Was uns vielleicht von vergleichbaren Organisationen unterscheidet, ist die Perspektive. Wir fragen jeden Beteiligten am Anfang: „Wo willst Du hin? Was ist Dein Traum?“ Das ist mit großer Regelmäßigkeit der Anfang einer Dynamik. Mit diesen Fragen stellen wir sicher, dass wir die Projekte aus der Perspektive der Beteiligten denken und realisieren. Die regelmäßige Kommunikation hilft, dass wir diesen Fokus übers gesamte Projekt niemals verlieren.

Steht jedes Projekt für sich alleine, oder gibt es Überschneidungen?

Nehmen wir zum Beispiel Burkina Faso. Da haben wir angefangen Pyrolyse-Kocher zu bauen, in Zusammenarbeit mit einem Partner vor Ort. Die Kocher haben den Vorteil, dass man keine Bäume fällen muss. Man kann mit kleinteiliger Biomasse arbeiten. Man erzeugt deutlich weniger CO2. Man kann damit wirklich sehr gut arbeiten. Das ist ein vorbildliches Projekt. Wir sind jetzt von einem Partner in Malawi angesprochen worden, die wollen diese Kocher auch haben. Auf diese Weise gelingt es uns immer wieder, Projekte zu vernetzen und Wissen und Methoden zu transferieren. Das hat auch bei unserer Methode „Dynamischer Agroforst“ gut funktioniert. Da geht es darum, Monokulturen zu ersetzen und Artenvielfalt mit Landwirtschaft zu versöhnen. Das haben wir in Bolivien erfolgreich etabliert. Ich wusste, dass es auch in Madagaskar funktionieren würde. Wir haben einen Mitarbeiter hingeschickt, der die Methode in Madagaskar eine Woche lang erklärt und demonstriert hat. Als ich sie eine Woche später gefragt habe, wie sie das fanden, haben die Partner gar nicht mehr aufgehört zu erzählen. Sie waren komplett begeistert. So haben wir den Dynamischen Agroforst auf der Insel etabliert.

Dynamischer Agroforst, was ist das eigentlich?

Das ist eine Methode, die haben wir den indianischen Kulturen Lateinamerikas abgeschaut. Dort bauen die Einheimischen keine Monokulturen an, sondern immer im kompletten System. Das bedeutet: Sie kombinieren stets Bäume mit Büschen, Kräutern und Nutzpflanzen. Diese Herangehensweise haben wir uns abgeschaut und versuchen, sie weiter zu entwickeln, indem wir sie auf Europa oder Afrika adaptieren. Das Besondere ist die Vielfalt. Sie steht aber nicht im Gegensatz zu Intensität oder Produktivität. Im Gegenteil. Man kann dicht pflanzen, und hat sogarm weniger Arbeit. Man muss beispielsweise kein Unkraut jäten. Man muss nicht pflügen oder Gift zur Schädlingsbekämpfung einsetzen. Man arbeitet nur noch über den Schnitt der Pflanzen. Damit erhält man viel Biomasse und bewirtschaftet das Land ertragreich und ausgewogen. Weil das System stimmt. Was wir dabei feststellen: Je größer die Vielfalt im System, desto gesünder ist es. Um so kräfiger wachsen die Pflanzen. Um so mehr Produkte erhält man. In Bolivien haben wir die Ertragssteigerung gemessen. Im ersten Jahr 134 Prozent, im zweiten Jahr 210 Prozent.

Wie wichtig ist die Vielfalt im System, ökologisch gesehen?

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus dem Dynamischen Argoforst. Die Vielfalt im System ist wichtig. Das hat auch damit zu tun, dass im Normalfall mehr als die Hälfte der Pflanze unterirdisch wächst. Diesen Teil blenden wir Menschen gerne aus, weil er sich unseren Blicken entzieht. Aber da unten passiert sehr viel. Teilweise muss es noch viel besser erforscht werden. Nehmen wir nur die Mikroorganismen. Im Boden entwickelt sich eine ganz eigene Dynamik im Boden. Vorausgesetzt das System ist intakt. Da wird sehr viel Humus aufgebaut. Und in diesem Humus sind wiederum große Mengen CO2 gebunden. Darum kann man sagen, dass Klimaschutz und Artenvielfalt eng zusammen gehört.

Ist die Klimaveränderung noch aufzuhalten?

Ja. Und es wäre so simpel. Aber in dem System, in dem wir uns befinden, wird es schwer. Wir hätten die Lösung, den Klimawandel in zehn bis zwanzig Jahren umzudrehen. Neben vielen Anstrengungen, die machbar sind, sollte man den Humus stärker in den Blick nehmen. Wenn wir konsequent die Flächen so bewirtschaften würden, dass sich überall wieder mehr Humus aufbaut, könnten wir damit große Mengen an CO2 wieder binden. Leider macht die gesamte Landwirtschaft, die industriell betrieben wird, genau das Gegenteil. Sie zerstört die Böden. Wir müssen dieses System überwinden. Der Schlüssel zur Lösung sind Agroforst, Artenvielfalt, intakte Ökosysteme und Tiere, die sich in dieser Landschaft wieder wohl fühlen.

Hier geht's zum Teil 1 des Interviews

Alle Informationen zum Nachhaltigkeitsprogramm One_earth unter www.greenhiring.de

Bild: Kalen Emsley on Unsplash


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